Loc Start
Decrease font size  Default font size  Increase font size 

Fossil des Monats Mai 2015

------- Nashornschädel -------

Prosantorhinus germanicus
Alter ca. 16 Millionen Jahre (Miozän)
Sandelzhausen, Deutschland

Länge 25 cm, Breite 18 cm
Foto: ©BSPG, M. Schellenberger

SNSB-BSPG 1959 II 13478



Das Jahr 2014 war kein gutes Jahr für Nashörner. Eine gravierende Zunahme der Wilderei hat ihren weltweiten Bestand noch schneller als zuvor sinken lassen. Artenschutzexperten prognostizieren ein Aussterben in freier Wildbahn in wenigen Jahrzehnten, sollten die Nachstellungen des Menschen nicht deutlich eingedämmt werden.







Im Spiegel dieser erschreckenden Nachrichten scheint es kaum glaubhaft, dass Nashörner einmal zu den erfolgreichsten Großsäugern der Erde zählten. Doch genau das ist es, was uns die Fossilien erzählen. Nashörner bevölkerten nicht nur ganz Afrika, Eurasien und Nordamerika, sondern sie repräsentierten auch eine Artenvielfalt, die bis vor über 50 Millionen Jahre zurück reicht und die noch wenigen lebenden Vertreter als hochgradig schützenswerte Tiere identifiziert. Auch hier bei uns lebten viele Millionen Jahre lang mehrere Nashornarten gleichzeitig nebeneinander. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür lieferte die Fossilfundstelle Sandelzhausen, die im heutigen Stadtgebiet von Mainburg liegt, aber nicht mehr zugänglich ist. Grabungen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie und der Universität München über drei Jahrzehnte haben einige tausend Fossilien von drei Nashornarten hervorgebracht. Dazu zählen auch vollständige Schädel, die ansonsten eher selten vorkommen.

Beispielhaft für diese Schädel steht das Fossil des Monats. Gehirnschädel, Gesichtsschädel, Jochbögen, Augenhöhlen, Kiefer, Gaumendach und Gebiss sind erhalten und vermitteln einen Eindruck von Form und Größe. Es handelt sich um ein verhältnismäßig kleines Exemplar. Die Deformierung in Form von Verschiebung des Schädeldaches und der beiden Kieferhälften gegeneinander wurde während der langen Einbettungszeit durch Rutschungen im ehemals umgebenden Sediment hervorgerufen.

Am Zustand des Gebisses, überwiegend bestehend aus Milchzähnen, lässt sich das Entwicklungsstadium eines Jungtieres erkennen. Die deutlichen Gebrauchsspuren auf den Milchzähnen und die zwei im Durchbruch befindlichen vorletzten permanenten Zähne, die noch keinerlei Gebrauchsspuren zeigen bzw. auch auf die noch im Kiefer steckenden Keimlinge der hintersten permanenten Zähne hinweisen, erlauben eine noch genauere Altersbestimmung. Sicherlich handelt es sich um den Schädel eines von der Mutter schon unabhängigen, aber noch nicht ganz ausgewachsenen und noch nicht geschlechtsreifen, ungefähr 3-jährigen Tieres.

Was die Todesursache dieses jungen Individuums war, lässt sich nicht mehr feststellen. Sicher aber ist, dass es im heutigen süddeutschen Raum lebte, weil Schäden am Schädel fehlen, die auf einen längeren Transport vor der Einbettung hinweisen. Vermutlich wurde er bei einem Hochwasser aus nächster Umgebung in den Flussauetümpel gespült und eingebettet, in dem sich die Fossilfundstelle Sandelzhausen gebildet hat.

Die Form der Zähne kennzeichnet eine Zugehörigkeit zur ausgestorbenen Art Prosantorhinus germanicus, die unter den heute lebenden Nashörnern keine Verwandten mehr hat. Außerdem lässt sie auf eine Spezialisierung auf saftige, weiche Nahrung aus einem feuchten Lebensraum schließen. Dies stimmt sehr gut mit der warmgemäßigten Wald-Fluss-Landschaft überein, die für die Zeit aus der P. germanicus stammt für den süddeutschen Raum rekonstruiert wurde. Ihre Mosaik-artige Struktur, gebildet aus vielen unterschiedlichen Kleinlebensräumen im Übergang von Fluss zu Wald, muss geradezu paradiesische Verhältnisse für die Nashörner von damals geboten haben, wie uns die hohe Zahl ihrer fossilen Reste im Vergleich zu anderen Tieren anzeigt.


Selbstverständlich hatten auch diese Nashörner ihren Überlebenskampf zu führen. Aber welche Schwierigkeiten auch immer sie zu meistern hatten, den Menschen, den heute ärgsten Feind ihrer Verwandten, mussten sie noch nicht fürchten. Die heutigen Hintergründe für die exzessive Ermordung von Nashörnern, Mythen über die steigernde Wirkung ihrer Nasenhörner auf die männliche Potenz und Geldgier, sind ein schockierendes Beispiel wie fragwürdige gesellschaftliche Werte zu Handlungen wider jeder Vernunft führen.

G. E. Rössner

 

 

 




 

 

 
E