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Fossil des Monats April 2015

------- Kuhtrittmuschel -------

Triadomegalodon gryphoides (Guembel, 1861)
Obere Trias (ca. 210 Millionen Jahre)
Kammerker, Österreich
Höhe: 16 cm

SNSB-BSPG 1929 XI 617


Die Megalodonten sind eine Gruppe von Muscheln, die während des Erdalterums und Erdmittelalters riffnahe Meeresbereiche besiedelten. Ihren Höhepunkt erreichten sie zur Zeit der Trias. Aus der Gruppe entwickelten sich im Laufe des Jura die zur Kreidezeit sehr erfolgreichen Rudisten.

Megalodonten zeichnen sich durch rundlich bis ovale, sehr dicke und stark gewölbte, im Querschnitt herzförmige Schalen aus. Die beiden Schalenhälften sind gleichartig, also spiegelbildlich, gebaut. Die Wirbel ragen deutlich nach vorne und sind je nach Art auch stark eingedreht. Das unter dem Wirbel am Innenrand der Schale befindliche Schloss, das bei den Muscheln ein seitliches Verdrehen der beiden Schalenhälften verhindert, besteht bei den Megalodonten aus wenigen, zentral liegenden dicken Zähnen („Kardinalzähne“). Diese korrespondieren mit entsprechenden Vertiefungen der anderen Klappe. Den dicken Schlosszähnen verdankt die Gattung Megalodon und damit auch die gesamte Überfamilie ihren Namen (μέγας bzw. μεγάλως [griech.] = groß; οδούς, οδόντος [griech.] = Zahn). Die Gattung Megalodon wurde erstmals aus Schichten des Silurs (Erdaltertum) beschrieben, die Vertreter der Trias werden anderen Gattungen zugeordnet (z.B. Neomegalodon, Triadomegalodon, Rhaetomegalodon).

In den Alpen finden sich Megalodonten im obertriadischen Dachsteinkalk so häufig, dass sie von Österreichischen Geognosten des 19. Jahrhunderts als Dachsteinmuscheln bezeichnet wurden. Sie kommen hier ausschließlich in gebankten Kalken und Dolomiten vor, die an Riffhängen und vor allem in den stilleren Lagunen hinter den Riffen abgelagert wurden. Vollständige Fossilien aus diesen harten Gesteinen zu gewinnen ist nahezu unmöglich. Auch unser Fossil des Monats ist nicht ganz vollständig, aber immerhin mit Schale erhalten. Aufgrund dieses Exemplars stellte Carl Wilhelm von Gümbel (1823-1898), ein Altmeister der Geologie von Bayern, im Jahr 1861 die Art Megalodon gryphoides auf. Sie wird heute in die Gattung Triadomegalodon gestellt. Neben den stark eingedrehten Wirbelspitzen ist die Rinne, die vom Bereich des Wirbels auf dem oberen Schalenabschnitt zum Vorderrand zieht, eines der kennzeichnenden Merkmale.

Blockdiagramm mit Kuhtrittmuscheln in Lebendstellung und als Schalenquerschnitte, wie sie auf Gesteinsoberflächen heute zu sehen sind (nach Zapfe 1957 und Thenius & Vavra 1996)

Im Dachsteinkalk finden sich die Megalodonten häufig mit beiden Klappen und bisweilen in Lebendstellung. Daraus lässt sich ableiten, dass diese Muscheln mit dem Wirbel nach unten halb im kalkigen Meeresschlamm eingegraben lebten. In dieser Position konnten die Muscheln maximalen Flächenwiderstand gegenüber dem Meeresschlamm aufbauen und ein Einsinken im Schlamm verhindern. Auf der dem Wirbel entgegen gesetzten (hinteren) Seite der Muschel, die aus dem Meeresboden ragte, filtrierten die Megalodonten über muskulöse Röhren („Siphonen“) Plankton aus dem Meerwasser. Die hohe Dichte an Megalodonten bei gleichzeitiger Armut an anderen Arten deutet auf generell ungünstige Lebensbedingungen in den Lagunen hin, an die die Megalodonten jedoch gut angepasst waren. Erhöhte Salzgehalte im Meerwasser infolge hoher Verdunstungsraten bei hohen Temperaturen gelten als wahrscheinlichster Grund. Mit dem Abbau der Karbonatplattformen gegen Ende der Trias verloren die Megalodonten ihre angestammten Habitate und damit an Bedeutung.
Wegen ihrer Häufigkeit und der auffallenden Form ihrer huf- und herzförmigen Querschnitte auf den Gesteinsoberflächen erregten diese Muscheln schon früh die Aufmerksamkeit der Gebirgsbewohner. Von Almhirten wurden sie als „versteinerte Kuhtritte“ bezeichnet. Auch als „versteinerte Herzen“ oder „Hirschentritte“ sind sie bekannt. Zu Zeiten, als die wissenschaftliche Erklärung als Muschel noch nicht geläufig war, gaben sie Anlass zu mythischen Deutungen, etwa als „Spuren der wilden Jagd“ oder als „Fußspuren der Wildfrauen“. Dies hängt auch mit der Vorstellung unserer Vorfahren zusammen, dass Waldgeister, Elfen und Druden keine Menschen-, sondern Tierfüße besitzen. Heutzutage wird hingegen der geologisch kundige Bergwanderer auf seinen schweißtreibenden Wanderungen über die Megalodonten-Kalke des Dachsteins etwas anderes im Sinne haben: ein Bad in den warmen Rifflagunen der Trias.


Winfried Werner

 

 

 
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