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Fossil des Monats Januar 2015

------- Fossile „Schreib-Griffel“ – Achsenstäbe einer Seefeder -------

Graphularia longissima Squires, 1958

Alter: ca. 25 Millionen Jahre
(Paläogen: Oligozän: Chattium)
Waihao Valley, South Canterbury, Neuseeland
Länge der Bruchstücke: 2 bis 5 cm,
Durchmesser der Bruchstücke: ca. 5 bis 9 mm

Heutige Seefedern zum Vergleich – Virgularia gustaviana in der Gezeitenzone vor der Küste Queenslands (Moreton Bay),
Australien (teilweise die Achsenstäbe zeigend) (Fotos: M. Reich)

Seefedern, auch Pennatulaceen (Pennatulacea) genannt, gehören zusammen mit den Weich-, Horn- und Lederkorallen zu den „achtstrahligen Korallen“ (Oktokorallen, Octocorallia). Diese besiedeln, im Gegensatz zu allen anderen Oktokorallen, ausschließlich sandige oder schlammige Weichböden und kommen heute in allen Weltmeeren, vom Flachwasser bis in die Tiefsee (> 6.000 Meter), vor. Im Unterschied zu den Steinkorallen (Scleractinia) besitzen die Seefedern, wie auch die meisten anderen Oktokorallen, kein festes Kalkskelett, sondern zum einen mikroskopisch kleine Sklerite aus Kalziumkarbonat, zum anderen einen zentral im Körper gelegenen Achsenstab aus Niedrig-Magnesium-Kalzit mit hornartigen organischen Bestandteilen (Skleroproteine; Gorgonin bzw. Pennatulin genannt). Dieser Achsenstab zieht sich durch den gesamten einzelnen, unverzweigten Primärpolypen (Oozooid) der Seefeder hinab bis zu einem fleischig-muskulösem „Stiel“, mit dem sich die Seefeder-Kolonie im Boden verankert. Die seitlich gelegenen, immer zweigestaltigen Polypen (sogenannte Autozooide und Siphonozooide) dienen einerseits der Ernährung (Filtrieren von Plankton) andererseits dem Einpumpen von Wasser in den Körper.

Die streng bilateralsymmetrisch angeordnete Polypenkolonie der Pennatulacea erinnert in ihrer äußeren Form insgesamt an eine Feder bzw. an ein „Schreibgerät“ („Schreibfeder“), woher sich auch der deutsche Name („Seefedern“), wie auch der englische Name („sea pens“) ableiten läßt. Selbst der Gattungsname Graphularia der vorliegenden fossilen Art läßt sich im weiteren Sinne vom griechischen γράφειν (graphein = schreiben), in Erinnerung an die noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts gebräuchlichen „Schreib-Griffel“, ableiten.

Im Fossilbericht sind Seefedern eher spärlich bis äußerst selten anzutreffen. Dies mag eventuell damit zusammenhängen, daß sie nicht gerade zu den „ansprechendsten Vertretern ihrer Zunft“ gehören. Zum anderen wurden Achsenstäbe fossiler Seefedern oftmals fälschlich als Belemnitenrostren (Coleoidea) oder Seeigel-Stacheln (Echinoidea) beschrieben und somit systematisch falsch bestimmt. Beispielsweise wurden auch die ersten fossilen Pennatulaceen-Achsenstäbe aus Bayern (vom Kressenberg in Oberbayern; Eozän-zeitliche Sedimente, ca. 45 Millionen Jahre alt) im frühen 19. Jahrhundert noch jahrzehntelang als Belemnitenrostren bestimmt und als solche mehrfach beschrieben (Ami Boué 1829; Karl Emil von Schafhäutl 1852, 1865). Bis heute sind rund 50 eindeutige fossile Seefeder-Arten bekannt geworden, mit frühesten Vertretern im Ober-Campanium und Unter-Maastrichtium Europas (Oberkreide; 75 bis 70 Millionen Jahre alt) sowie vielen Arten aus Tertiär-zeitlichen (Paläogen und Neogen; jünger als 66 Millionen Jahre) Sedimenten weltweit (mit Ausnahme der Antarktis). Dem stehen etwas mehr als 200 moderne heutige Arten in 14 Familien gegenüber.

Verschiedene Achsenstäbe von Graphularia longissima aus Paläogen-zeitlichen Sanden Neuseelands (Foto: BSPG München)

Die hier ausgestellten Achsenbruchstücke der Seefeder Graphularia longissima wurden vom Autor aus dem Kokoamu-Grünsand auf der neuseeländischen Südinsel am Waihao-Fluß (nördlich Dunedin) geborgen. Bei diesen teilweise bis zu 30 Zentimeter an Länge erreichenden Bruchstücken handelt es sich wohl um die größten Seefedern weltweit. Aufgrund des großen Durchmessers der Achsenstäbe kann auf eine Gesamtlänge dieser Seefedern von 1 bis 2 Metern geschlossen werden. Von den normalerweise nur 1 bis 2 Millimeter im Durchmesser breiten Achsen heutiger Seefedern sind lediglich Maximallängen von bis zu einem halben Meter bekannt. Kleine (unter dem Mikroskop oder mit einer Lupe sichtbare) Vertiefungen auf der Oberfläche der Achsenstäbe stellen Verankerungspunkte von Kollagen-Fasern mit dem Weichgewebe der Seefeder dar und haben sich bei einigen der ausgestellten Stücke glücklicherweise auch fossil erhalten.

Mike Reich
 

 
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