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Fossil des Monats Februar 2014

------- Teil des Unterkiefers eines Riesenkrokodils -------

Elosuchus cherifiensis (Lavocat)

„Mittlere“ Kreide (ca. 100 Millionen Jahre)
Kem Kem, Marokko

Obwohl Krokodile sicherlich zu den bekannten rezenten Tieren gehören, ist ihre heutige Diversität gering. Derzeit werden etwa 24 verschiedene Arten unterschieden, die vermutlich drei Familien angehören. Die diverseste dieser Familien sind die Crocodyliden (echte Krokodile) mit 15 Arten, darunter so bekannte große Formen wie das afrikanische Nilkrokodil (Crocodylus niloticus) oder das australische Leistenkrokodil (Crocodylus porosus), die mit bis zu 6 m Länge die größten heutigen Krokodile sind, aber auch das eher kleinwüchsige Stumpfkrokodil (Osteolaemus tetraspis). Die zweite, mit 8 Arten weniger diverse Gruppe sind die Alligatoriden (Alligatoren), zu denen unter anderem der nordamerikanische Alligator (Alligator mississippiensis) und die südamerikanischen Kaimane (Gattungen Caiman, Melnosuchus und Palaeosuchus) gehören. Daneben gibt es den langschnäuzigen asiatischen Gavial (Gavialis gangeticus), der üblicherweise in eine eigene Familie Gavialidae eingeordnet wird, wobei einige Experten ihn allerdings als Vertreter der echten Krokodile ansehen.

Alle heutigen Krokodile haben aber einen sehr ähnlichen Bauplan und auch eine ähnliche Lebensweise. Der Schädel heutiger Krokodile ist niedrig und breit, mit einer mehr oder weniger verlängerten Schnauze, und der Körper ist gedrungen, mit kurzen Armen und Beinen und einem langen, kräftigen Schwanz. Dieser Körperbau reflektiert die Lebensweise: die modernen Krokodile sind alle überwiegend im Wasser lebende Lauerjäger, die den kräftigen Schwanz zum Schwimmen und die kurzen Extremitäten als Steuer nutzen, während der kräftige Schädel zum Zubeißen und Festhalten der Beute benutzt wird.
Die Krokodile sind eine alte Entwicklungslinie der Reptilien, die es schon seit der oberen Trias (vor ca. 225 Mio Jahren) gibt. Der Körperbau der ersten Krokodilen ähnelte jenem der heutigen Vertreter der Gruppe jedoch nur wenig. Die ersten Krokodile (früher oft als „Sphenosuchier“ bezeichnet) waren kleine, langbeinige Tiere mit einem hohen, schmalen Schädel, die aufrecht gingen und auf dem festen Land lebten und jagten. Schon bald, bereits im unteren Jura (vor ca. 185 Mio Jahren) gab es jedoch die ersten Krokodile, die in ihrem Körperbau den heutigen Formen entsprachen. Bei diesen ersten aquatischen Lauerjägern handelte es sich jedoch noch keinesfalls um Vertreter der modernen Krokodile, sondern um andere Entwicklungslinien, die mit den heutigen Gruppen verwandt sind.
Eine dieser Gruppen sind die Pholidosauriden, zu denen auch Elosuchus gehört. Pholidosauriden sind überwiegend großwüchsige Krokodile mit sehr langer Schnauze, die vom späten mittleren Jura (vor ca. 165 Mio Jahren) bis in die untere Oberkreide lebten (vor ca. 90 Mio Jahren). In ihrem Körperbau waren sie den heutigen Krokodilen schon sehr ähnlich; der hintere Teil des Schädels war breit und niedrig, der Körper kräftig und die Extremitäten kurz. Viele Pholidosauriden unterscheiden sich von den meisten heutigen Krokodilen durch eine längere Schnauze und eine auffällige Verbreiterung der Schnauzenspitze. Diese Krokodile waren somit ebenfalls hauptsächlich im Wasser lebende Lauerjäger, aber im Gegensatz zu ihren nächsten Verwandten, den im Meer lebenden Dyrosauriden, lebten sie in den Flüssen und Seen der Kontinente. Zu den Pholidosauriden gehören einige der größten Krokodile, die man überhaupt kennt, so etwa Sarcosuchus, dessen Schädel fast zwei Meter lang werden konnte und der eine Gesamtlänge von über 12 m erreicht haben dürfte. Elosuchus war etwas kleiner, erreichte aber dennoch wohl Körperlängen von 6-8 m und war somit etwas größer als die größten heutigen Krokodile. Der Unterkiefer des Tieres war kräftig und die beiden Unterkieferäste hatten eine sehr langgezogene mittlere Naht, was die Robustheit des Kiefers zudem erhöhte. Der hier gezeigte Kiefer hat als Besonderheit zudem viel der Original-Zähne im Kiefer erhalten. Während nach vorne hin die Zähne höher und spitzer werden, sind sie im hinteren Kieferbereich niedriger und abgerundet, was man üblicherweise als Knackgebiss bezeichnet. Somit wurden die vorderen Zähne wohl zum Ergreifen und halten der Beute gebraucht, worauf dann die Beutetiere – vermutlich Tiere mit einem härteren Panzer, wie etwa Schildkröten oder dickschuppige Fische – in den Rachen geworfen wurden, wo sie mit den hinteren Zähnen geknackt werden konnten. Elosuchus spielte somit in seinem kreidezeitlichen Ökosystem in Nordafrika wohl eine ganz ähnliche Rolle wie viele heutige Krokodile.
Die genauen Verwandtschaftsverhältnisse der Pholidosauriden sind noch nicht geklärt. Während die nahe Verwandtschaft mit den marinen, langschnäuzigen Dyrosauriden generell angenommen wird, ist es nicht klar, ob diese beiden Gruppen insgesamt zu der großen Gruppe der Meereskrokodile (Thalattosuchia) gehört, in welchem Fall die Pholidosauriden die eher ungewöhnlichen Süßwasserbewohner innerhalb dieser Gruppe darstellen würden, oder näher mit den modernen Krokodilen verwandt sind. Wie dem auch sei, Elosuchus und seine Verwandten sind ein schöner Beweis dafür, dass der „Ökotypus“ der heutigen Krokodile offenbar ein zeitloser Erfolgstyp ist.

Oliver Rauhut


 

 
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