Loc Start
Decrease font size  Default font size  Increase font size 

Fossil des Monats Februar 2013

------- Fossile Bohrgänge der Muschel "Teredo" sp. -------

BSPG 2012 I 39
Pliozän
Alter ca. 3 Millionen Jahre
Mijas-Costa bei Malaga, Spanien
Gesamtbreite: 36 cm

Kaum eine Muschel verbreitet in den Meeren so viel Schrecken wie die Schiffsbohrmuschel Teredo, die fälschlicherweise auch Schiffsbohrwurm genannt wird. In früheren Zeiten, als Schiffe und Uferbefestigungen überwiegend aus Holz gefertigt wurden, verursachte die Muschel große Schäden. Laut seinen Logbüchern verlor Christoph Kolumbus durch Teredo zahlreiche Schiffe; in den Niederlanden ließ die Muschel hölzerne Tore in den Deichen wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen. Dabei zählt die Besiedlung und Nutzung von Holz als Nahrungsquelle zu den grandiosen evolutiven Neuerungen unter den Muscheln.

Während die beiden Kalkschalen bei den meisten Muscheln primär dem Schutz des Weichkörpers dienen, wandelten die Vertreter der Terediniden die beiden Klappen in reine Bohrwerkzeuge um, die nur noch den vordersten Teil des wurmartigen Körpers bedecken. Die Vertreter der heutigen Terediniden können eine Länge bis zu 20 cm erreichen. Neben den relativ kleinen Klappen bauen sie eine dünne Kalkröhre, die weniger dem unmittelbaren Schutz des Weichkörpers als der Stabilisierung der gebohrten Wohnröhre dient.

Die Muscheln entwickeln sich aus Schwimmlarven. Sobald sich eine Larve auf ein dem Meerwasser ausgesetztes Holz (z. B. Treibholz) niedergelassen und in eine Jungmuschel verwandelt hat, beginnt die Muschel mit simultanen, zangenartigen Bewegungen der Schalen zu bohren. Eine kleine Öffnung im Holz genügt der Muschel, um Atemwasser mit zwei am Hinterende des Körpers befindlichen Röhren (Siphonen) aus dem Meer aufzunehmen. Die winzige Öffnung im Holz wird von der Muschel bis auf den Bereich der Siphonen mit Kalkplättchen hermetisch verschlossen, so dass der Befall von außen kaum zu erkennen ist. Im Inneren des Holzes bohrt sich die Muschel rasch in das Holz hinein. Für die Speicherung der abgeraspelten Holzfragmente steht den Terediniden eine Art Vorratskammer (Caecum) vor dem Magen zur Verfügung.


Die Terediniden zersetzen das Holz chemisch mit Hilfe der Enzyme Cellulase und Glucosidase und wandeln es in Nährstoffe um (vor allem Zucker). Außerdem helfen ihnen Cellulose-abbauende, symbiontische Bakterien bei der Verdauung. Den restlichen Bedarf an Nährstoffen decken sie über die Siphonen mit der Aufnahme von Nahrungspartikeln und Nährstoffen aus dem Meerwasser. Die rasche Bohrtätigkeit und Zersetzung des Holzes ist darauf ausgerichtet, möglichst schnell die Fortpflanzungsreife zu erreichen. Eine einzige Teredo-Muschel produziert im Jahr zwischen 1 und 5 Millionen Eier und garantiert so eine große Nachkommenschaft.

Abbildung: Historische Darstellung einer Schiffsbohrmuschel, am Vorderende: die kleinen Schalen zum Bohren; am Hinterende: die zwei Siphonen (Quelle: Internet, Wikimedia Commons)

Muscheln können seit etwas über 200 Millionen Jahren harte Gegenstände anbohren. Zunächst bohrten sie jedoch nur kalkige Substrate wie Gesteine oder Skelette von Korallen und Mollusken an. Holzbohrende und sich von Holz ernährende Muscheln wie die Terediniden sind erst seit der Kreidezeit sicher bekannt (seit etwa 90 Millionen Jahren).

Unser Fossil des Monats aus dem Pliozän von Spanien ist ein seltener Beleg für fossile Terediniden-Wohnröhren. Erhalten sind nicht die Muscheln selbst, sondern nur die Ausfüllung der Wohnröhren. Eine genaue Bestimmung der Gattung ist deshalb nicht möglich.

Die Entstehung des Fossils muss man sich folgendermaßen vorstellen: Im damaligen Meer wurde ein Stück Holz von Bohrmuscheln stark angebohrt. Das Holz sank zum Meeresboden, wo das Holz von feinkörnigem Schlamm zugedeckt wurde. Der Schlamm füllte auch die Wohnröhren der Bohrmuscheln. Die Kalkschalen der Muscheln wurden aufgelöst. Die zwischen den Bohrgängen verbliebenen Holzpartien verrotteten allmählich im Sediment, während gleichzeitig die Schlammfüllungen der Wohnröhren versteinerten. Vom ehemaligen Holzstück sind heute nur noch kleine Reste als Abdruck vorhanden. Nach der Freilegung des Stückes aus dem Gestein weisen auf die frühere Existenz des Holzes also nur noch die bizarr frei im Raum stehenden Wohnröhren-Ausfüllungen hin.

Winfried Werner

 

 
E