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Fossil des Monats: Dezember 2010

------- Stammstück eines rätselhaften Nadelgewächses
Dicranophyllum hallei Remy et Remy
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BSPG 2001 I 44
Unterperm (ca. 290 Millionen Jahre)
Donnersberg Formation, Tuff 3, Kahleckerhof bei Winnweiler, Pfalz
Länge des Stammstücks: 34 cm



Abbildung 1: Rekonstruktion von Dicranophyllum hallei nach Bettag (1998) in Barthel et al. (1998).

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Hierzulande spielen in der Weihnachtszeit Nadelgewächse (Koniferen) traditionell eine wichtige Rolle; kaum ein Haushalt, kaum ein Ladenlokal und kaum ein Amt, in dem zurzeit keine Tanne oder Fichte als Weihnachtsbaum steht oder in diesen Tagen aufgestellt wird. Wem jedoch ist bewusst, dass der mit Kerzen, Glaskugeln, Strohsternen und Lametta geschmückte Baum im Wohnzimmer zu einer sehr alten Gruppe von Pflanzen gehört, deren Fossilbericht bis in das Karbon vor ca. 300 Millionen Jahren zurückreicht, deren Herkunft und frühe Evolution allerdings bis heute nicht komplett geklärt sind? Beschäftigt man sich mit dieser Thematik, stößt man auf eine Vielzahl fossiler Gewächse, von denen viele unseren Weihnachtsbäumen habituell sehr ähnlich sind, andere, insbesondere Formen aus der entfernteren Vergangenheit, zwar weitläufig an Nadelgewächse erinnern, bei genauerer Betrachtung dann aber doch nicht so recht in das Bild passen. Und eben diese Pflanzen machen die Entschlüsselung der Herkunft und frühen Evolution der Koniferen so schwierig, da sie bis heute nicht eindeutig zugeordnet werden können.
Zu den eigentümlichsten Vertretern dieser Pflanzen unsicherer Zugehörigkeit gehört Dicranophyllum hallei Remy et Remy, ein Vertreter der Dicranophyllales, einer Ordnung rätselhafter Samenpflanzen, wohl Koniferen (von einigen aber auch den Ginkgogewächsen zugeordnet), die im oberen Karbon und unteren Perm in Europa und Nordamerika verbreitet war. Dicranophyllum hallei bestand aus bis zu 3 m langen und 4 cm dicken, hohlen, unverzweigten Stämmen, die in ihrer Gesamtheit beblättert waren. Die Blätter, die bis zu 30 cm lang wurden und am Stamm spiralig ansaßen, waren dünn und nadelförmig und am Ende meist gegabelt. Die männlichen und weiblichen Fortpflanzungsorgane waren kleine Zapfen, die in bestimmten Bereichen, den so genannten fertilen Zonen, am Stamm direkt (cauliflor) ansaßen. Es ist bis heute nicht geklärt, ob D. hallei eine krautige oder holzbildende Pflanze war, da man bislang nur Abdruckfossilien kennt, welche keine Informationen über die inneren Aufbau liefern.
Das Fossil des Monats Dezember zeigt ein Stammstück einer Dicranophyllum hallei-Pflanze, leider ohne Fortpflanzungsorgane. Man erkennt die typische Beblätterung aus langen, nadelförmigen Blättern sowie die charakteristischen, etwas an Lepidodendron Sternberg erinnernden, annähernd rhombischen Blattpolster dort, wo die Blätter nicht erhalten sind. Das Stück stammt aus dem Saar-Nahe Becken von der Lokalität Kahleckerhof bei Winnweiler, etwa 30 km nördlich von Kaiserslautern. Die fossilführenden Schichten dort gehören zur Donnersberg Formation, einer mächtigen Abfolge (Sequenz) aus Laven, Konglomeraten, Arkosen und Tuffen, die den ältesten Teil der Nahe Gruppe darstellt und in das obere Rotliegend (Unterperm) eingestuft wird. Die Donnersberg Formation beinhaltet sechs pyroklastische Einheiten (Ablagerungen vulkanischer Aschen), die so genannten Tuffserien 1–6. Das Fossil des Monats stammt aus Tuff 3, einer durch die Reichhaltigkeit an D. hallei Fossilien berühmt gewordenen Tufflage.

Auf Grund der Größe und hervorragenden Erhaltung vieler Dicranophyllum hallei Fossilien aus RT III geht man davon aus, dass die Pflanzen direkt an ihrem Standort (in situ) vom Ascheregen bedeckt und eingebettet wurden. Es wird vermutet, dass D. hallei an den Ufern von Seen und Teichen ausgedehnte Bestände gebildet hat, die vielleicht am ehesten mit dem Wuchs des Schilfs (Phragmites sp.) an heutigen See- und Teichufern vergleichbar sind. Unterstützt wird diese Hypothese durch die Tatsache, dass man D. hallei Wurzeln gefunden hat, die von Großalgen der Gattung Perissothallus Krings et al. besiedelt sind, was darauf hindeutet, dass diese Wurzeln nicht im Substrat, sondern frei im Wasser wuchsen und damit auf einen Standort von D. hallei im Flachwasser oder sehr nah am Wasser hinweisen.

Michael Krings

 

 
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