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Fossil des Monats: Oktober 2010

------- Schmalflossen-Fischsaurier mit Hauterhaltung -------

BSPG AS I 559
Stenopterygius quadriscissus Quenstedt, 1858
Unterer Jura (180 Millionen Jahre)
Posidonienschiefer, Schwarzer Jura Epsilon
Holzmaden, Württemberg
Gesamtlänge des Tieres: 105 cm

Foto: M. Schellenberger
© Paläontologisches Museum München

Unser Fossil des Monats ist ein Fischsaurier mit seltener Hauterhaltung. Das Stück war bis zum Zweiten Weltkrieg im Paläontologischen Museum in der Neuhauserstraße 51 ausgestellt und hat als eines der wenigen Schaustücke den Bombenangriff im April 1944 überstanden, da es als bewegliches Objekt ausgelagert werden konnte. Es wird nun erstmals wieder öffentlich ausgestellt.

Fossilien von Fischsauriern hatte man schon im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England, Frankreich und Deutschland gefunden. Vollständige artikulierte Exemplare waren selten und zeigten eine Besonderheit, nämlich dass der Schwanz im letzten Drittel nach unten abgeknickt ist. Dies wurde zunächst mit Verdrehungen während der Kompaktion der Ablagerung erklärt oder nicht beachtet. Die ersten Rekonstruktionen zeigen daher den Ichthyosaurus als ein Reptil mit einem langen, gerade gestreckten Ruderschwanz. Erst als auch alle weiteren Fischsaurierskelette den charakteristischen Schwanzknick zeigten begann man sich Gedanken zu machen.

Alte Rekonstruktion von Ichthyosaurus communis aus dem unteren Lias von England noch mit gestreckter Schwanzwirbelsäule (nach Richard Owen, aus Karl Alfred von Zittel 1887-1890: Handbuch der Paläontologie).

Des Rätsels Lösung verdankt man einer dafür weltberühmten Konservat-Lagerstätte: dem 180 Millionen Jahre alten Posidonienschiefer von Holzmaden in Württemberg. Hier fand man die Fischsaurier in bedeutenderer Zahl und dem Steinbruchbesitzer und Forscher Bernhard Hauff fielen eines Tages bei der Präparation Reste von Weichteilen auf. Seiner kundigen Hand gelang um 1890 schließlich, die nur als kohlig-organischer Film mit faserigen Strukturen erhaltene Haut eines Fischsauriers freizulegen. Daher wurde klar, dass Fischsaurier am Schwanzende eine halbmondförmige Schwanzflosse besaßen, deren unterer Teil durch die abgeknickte Wirbelsäule gestützt wurde, und dass sie auch eine dreieckige Rückenflosse hatten.

Heute ist bekannt: Fischsaurier waren die am weitestgehenden ans Wasserleben angepassten Vierbeiner des Erdmittelalters. Wie später Wale und Delphine entwickelten sie sich aus landlebenden Vorfahren und wandelten im Laufe einer raschen Evolution in der Trias (ca. 250-220 Millionen Jahre) ihre Gestalt in eine mehr oder weniger torpedoförmige Fischform um. Schwanzflosse, Rückenflosse und die paddelartigen Extremitäten erinnern auf den ersten Blick an diejenigen der Knochenfische, Haie oder Delphine, sie unterscheiden sich aber besonders durch den Besitz kräftiger Beinpaddel. Delphine besitzen zur Orientierung unter Wasser ein Sonarsystem. Die Fischsaurier entwickelten hingegen besonders große Augen, die im Inneren durch einen Ring von Knochenplättchen gestützt wurden.

Auch über die Biologie der Fischsaurier ist viel aus der Fundstelle Holzmaden bekannt geworden: So wurden trächtige Fischsaurierweibchen gefunden mit bis zu neun Embryonen im hinteren Bauchraum. Fischsaurier haben also keine Eier gelegt, sondern ihre Jungen lebend zur Welt gebracht. In unserer Daueraustellung ist ein Stenopterygius mit sieben Embryonen im Bauch; der achte Embryo ist nach dem Tod der Tiere aus dem durch Fäulnis aufplatzenden Bauch ausgetrieben. Die Nahrung der Fischsaurier kennt man von versteinerten Mageninhalten, die aus den hornigen Fanghäkchen von Tintenfischen, "Donnerkeilen" (Kalk-Rostren der tintenfischartigen Belemnitentiere) und Fischschuppen und -knochen bestehen können.

Markus Moser

 

 
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